Die Corona-App und Privatsphäre: Interview mit der Piratenpartei

Die Corona-Warn-App wurde in Deutschland gut angenommen. Seit ihrer Veröffentlichung haben 17,2 Millionen Menschen die App heruntergeladen. Experten sind mit dieser Quote von etwas mehr als 20 % der Gesamtbevölkerung zufrieden. Sie gehen davon aus, dass die App einen Nutzen hat, wenn mindestens 15 % der Bevölkerung sie nutzen.

Es wurde viel über die App diskutiert. Einer der wenigen Politiker, der auch etwas unternommen hat, ist Borys Sobieski, Generalsekretär der Piratenpartei. Er hat sich den Quellcode genauer angeschaut und interessante Informationen gesammelt. Im Interview berichtet er davon und teilt uns seine ganz persönliche Meinung mit.

Das denkt Borys Sobieski über die Corona-Warn-App

Die Piratenpartei steht Digitalisierungsprojekten der Bundesregierung oft kritisch gegenüber. Umso neugieriger war ich auf Borys Antwort darauf, was die Piraten über das Vorgehen der Regierung und die App denken. Seine Antwort war überraschend positiv.

Den Start fand er eher holprig. Es wurde viel diskutiert und nur langsam begonnen, etwas zu unternehmen. Andererseits ist er mit dem Endergebnis total zufrieden. Borys lobt, dass der Quellcode der App auf GitHub veröffentlicht wurde. Die komplette Entwickler-Community kann das Open-Source-Programm also auf Schwachstellen und Fehler prüfen.

Borys ist froh, dass man sich wohl endlich an den Open-Source-Gedanken gewöhnt und lobt die Telekom und SAP für die tolle Entwicklung. Denn wenn selbst der Chaos Computer Club (größte europäische Hackervereinigung) keine Schwachstellen findet, gibt es nichts zu meckern.

Hat die App unserer Digitalisierung einen Schub gegeben?

Ich wollte von Borys wissen, ob die Entwicklung der App einen positiven Einfluss auf andere Digitalisierungsprojekte in Deutschland haben wird. Er ist der Meinung, dass man andere Projekte genauso gut umsetzen könne. Wir haben ja alle gesehen, dass es funktioniert.

Ich finde diese Aussage von Borys super. Ich stimme ihm zu: Die schleppende Entwicklung der Digitalisierung unseres Landes liegt nicht an fehlenden Ressourcen oder zu wenigen klugen Köpfen. Ich sehe das Problem im Mindset der Bevölkerung.

Viele Menschen haben eine konservative Einstellung und stehen technischen Neuerungen skeptisch gegenüber. Die Corona-Warn-App zeigt uns eines: Mit sicheren, schnellen und effizienten Entwicklungen können Menschenleben gerettet werden. Vielleicht schaffen wir es, diesen Gedanken auf die fortschreitende Digitalisierung zu übertragen.

Hätte die Piratenpartei etwas anders gemacht?

Borys positive Meinung zur Corona-Warn-App hat mich überrascht – ich wollte wissen, ob die Piraten bei der Entwicklung anders vorgegangen wären. Seine kurze Antwort lautete Nein. Die Piraten hätten nichts anders gemacht und loben den wirklich guten Prozess hinter der App-Entwicklung.

Hat Borys Sicherheitsbedenken bei der App?

Datenschutz und Sicherheit sind zwei der Themen, die rund um die App am stärksten diskutiert wurden. Borys sagt zu dem Thema: “ Natürlich wird die App nicht 100 Prozent sicher sein.” Da gebe ich ihm Recht.

Es ist ein Credo unter Entwicklern, dass ein Programm in der Regel nie hundertprozentig sicher sein kann. Vor allem nicht, wenn es erst seit ein paar Wochen auf dem Markt ist. Du kannst dir das wie bei einem Haus vorstellen. Niemand kann dir zu 100 Prozent garantieren, dass es einsturzsicher ist. Mit einem Restrisiko muss man immer leben.

Borys findet dennoch, dass wir der App vertrauen können. Das liegt vor allem an dem Open-Source-Code. Viele unabhängige Stellen haben ihn geprüft und konnten keine Sicherheitslücken oder Hintertürchen finden. Die App hat ein klares Ziel und erfüllt es.

In den Details gibt es nach Borys Meinung noch Luft nach oben. Vor allem in der Art und Weise, wie die Datenbank gespeichert ist. Wir wissen außerdem nicht, ob die Version im App-Store auch dieselbe wie auf GitHub ist. Mit einem verifizierten Code könnten die Entwickler dies sicherstellen.

Sollten wir die App installieren?

Abschließend wollte ich von Borys wissen, ob wir die App herunterladen und nutzen sollen. Eine klare Empfehlung konnte er uns nicht geben. Er ist ein Fan der App und nutzt sie selber im Alltag. Er findet es aber wichtig, dass jeder für sich selbst entscheidet.

Die Piratenpartei, der CCC, Heise und viele andere Stellen haben nichts zu meckern. Aus technischer Sicht spricht also nichts dagegen, die App herunterzuladen.

Borys weiß, wo die Kritikpunkte an der App liegen. Wir wissen nicht, ob die App überhaupt etwas bringt. Kritiker halten das Bluetooth-Tracking beispielsweise für zu ungenau. Eine weitere Schwachstelle ist, dass die App die Wirkung von Aerosolen nicht einberechnen kann. Ob eine Scheibe zwischen zwei Nutzern steht, kann die App ebenfalls nicht erfassen.

Borys stellt am Ende klar, dass die Nutzung der App unbedingt freiwillig bleiben sollte. Niemandem darf ein Vor- oder Nachteil durch die Nutzung oder Nicht-Nutzung entstehen. Private Einrichtungen wie Restaurants oder Läden sollten außerdem das Verbot bekommen, Kunden ohne Corona-App zu diskriminieren.

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