Ein ominöses grünes Tier: Der Green-Buddy-Award

Von Michael Ickes:

Passend zu unserer Mündlichen Anfrage zu dem Thema sowie dem Antrag Drs 0388/XIX, der in der kommenden Wirtschaftsausschusssitzung am Donnerstag beraten werden soll, und schliesslich nicht zu vergessen, die Preisverleihung an sich, am 30. Oktober: ein Text aus den Tiefen des Internet, den wir hier gerne hosten.

Band ist nicht Buschkowsky, und so bleibt uns ein Buch erspart. Dafür bekommen wir in Tempelhof-Schöneberg einen Bären aufgebunden. Einen grünen Bären, und einen „preiswerten“ dazu. Eins haben Heinz Buschkowsky und Ekkehard Band gemeinsam: Sie sind bzw. waren Bürgermeister. Dass dieses Amt viel Zeit lässt für kreatives, sieht man am bücherschreibenden Neuköllner wie am phantasievollen Tempelhofer.

EINE GUTE IDEE??
Ob die Idee zum sogenannten Green Buddy Award tatsächlich in den Gehirnwindungen des ehemaligen Bezirksbürgermeisters von Tempelhof-Schöneberg Ekkehard Band ihren Ursprung hat, ist fraglich. Sie könnte ebenso in der Küche einer international agierenden PR-Agentur mit Sitz am Berliner Hausvogteiplatz zusammengerührt worden sein. Hintersinn dieser vordergründig als Umweltpreis für ortsansässige Industrie- und Wirtschaftsunternehmen installierten Distinktion, könnte ein „greenwashing“ sein. Dafür gibt es manche Anzeichen. Auch sind einige Besonderheiten der personellen Zusammensetzung und Berufung der Auswahljury bemerkenswert. Das führt zu der Frage:

„Wem nutzt es?“
Erstmals tauchte das ominöse grüne Tier im Halbdunkel des vor sich hinrostenden ehemaligen Gasometer-Wasserbeckens auf. Anlass war eines der letzten Wirtschaftstreffen, zu denen der scheidende Bürgermeister Ekkehard Band (SPD) episodisch an wechselnden Orten einlud. Ende März 2011, ein halbes Jahr vor dem Ende der Band´schen Amtszeit, traf sich auf Einladung ein Kreis bezirklicher Wirtschaftsvertreter und Politiker. Die Vorstellung dieses besagten Nachhaltigkeitspreises fand so überraschend wie beiläufig statt. Und so lustlos, dass sie in der Fülle der Redebeiträge beinahe untergegangen wäre. Das nährte von Anfang an den Verdacht, dass die Bären-Idee, doch nicht auf dem Mist Bands oder dem der Wirtschaftsverwaltung gewachsen war.

DAS GREMIUM
Phantasie und Kreativität sind „Trumpf“ in Tempelhof-Schöneberg. Leider eher selten im Rathaus beheimatet. Trotzdem: Bürgermeister Band hatte als eine seiner letzten Amtshandlungen diesen grünen Bären aus dem Hut gezogen. Der Beifall blieb bescheiden. Nun versucht sich seine Thronfolgerin in der Zauberkunst: Angelika Schöttler (SPD) entwickelt magische Kräfte bei der Zusammensetzung der Gutachter-Jury. Dabei geht es nicht nur um Masse vor Klasse, es geht auch um Parteibuch und Beziehungen. Deshalb ist neben ihr auch der ehemalige Umwelt-, und jetzige Jugendstadtrat Oliver Schworck (SPD) eingerückt. Zusammen mit dem EUREF Vorhabenträger am Gasometer Schöneberg Reinhard Müller – ebenfalls SPD – wurde er nun zum Jury-Mitglied. Sie dürfen sich auf viele, ebenfalls neue Juroren freuen: Christoph von Knobelsdorff (Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung), Melanie Bähr (Geschäftsführerin Berlin Partner GmbH), Prof. Dr. Anja Grothe (Hochschule für Wirtschaft und Recht), Birgit Mack (IBB Investitionsbank Berlin), Siegfried Helling (Geschäftsbereichsleiter Industrie und Forschung der TSB Innovationsagentur Berlin GmbH). Schon 2011 Mal dabei: Vera Gäde-Butzlaff (Vorsitzende des Vorstands Berliner Stadtreinigung), Henrik Vagt (Bereichsleiter Umwelt und Energie der IHK Berlin) und Andreas Jarfe (Landesgeschäftsführer des BUND).
Dagegen bleiben die mandatierten Volksvertreter der Bezirksverordnetenversammlung vor der Tür. “Als Dezernentin der Abteilung (Wirtschaftsförderung d. V.) liegt mir die qualitative Weiterentwicklung der Arbeit der Wirtschaftsförderung am Herzen. (…) Innerhalb dieser allgemeinen Ausübung von Verwaltungstätigkeiten ist eine Einbeziehung der BVV nicht vorgesehen, “so die Bezirksbürgermeisterin auf die mündliche Anfrage des Verordneten Michael Ickes von den Piraten im Juni 2012.
Weshalb wehrt sich Schöttler so vehement gegen die Einbeziehung der BVV? Immerhin geht es um einen Preis, den das Bezirksamt auslobt. Schließlich heißt es in § 12 (1) des
Bezirksverwaltungsgesetzes (BezVerwG) “Die Bezirksverordnetenversammlung  bestimmt die Grundlinien der Verwaltungspolitik des Bezirks (…), regt Verwaltungshandeln an (…)” und “kontrolliert die Führung der Geschäfte durch das Bezirksamt.” Offenbar nimmt es Frau Schöttler lieber in Kauf, in den Geruch der Kungelei zu kommen, als demokratische Gepflogenheiten, Transparenz des Verwaltungshandelns und Vorgaben
des Bezirksverwaltungsgesetzes umzusetzen.

EIN GRÜNER PANDA
Welche Aufgabe haben die Mitglieder des Preisgerichts? Sie sind auf der Suche nach Unternehmen, „für die Ökologie und Nachhaltigkeit Teil der eigenen Unternehmensphilosophie“ ist. Ein plüschiges Wort für einen selbstverständlichen Anspruch: Unternehmensphilosophie! Dazu passt die Figur, die diese verkörpern soll, ein grün bemalter Plastikpetz aus der Spezies der Buddy-Bären. Deshalb der Name: Grüner-Belohnungs-Bär! Und weil das nicht so gut klingt: Green Buddy Award. Eine Art grüner Panda, von dem Autor Wilfried Huismann in seinem „Schwarzbuch WWF“ meint, er würde von Unternehmen als eine „Braut ins Bett geholt, die der Marke neuen Glanz“ verleihen soll1. Um Glanz scheint es auch hier zu gehen. Sollte sich das aufzupolierende Projekt – oder Objekt – auf dem ehemaligen Gasag-Gelände an der Torgauer Straße in Schöneberg befinden?

PUBLIC RELATIONS UND AGENDA-SETTING
Stiftungen werden gegründet und Preise ausgelobt um Steuern zu sparen, sich, der Firma oder der Familie eine dauerhafte freundliche Erinnerung zu sichern oder um Werbung zu machen. Für letzteres kennen die Werbeagenturen die geeigneten Werkzeuge: Public Relations und Agenda-Setting. Das bedeutet, dass Botschaften und Meinungen zum Zwecke der öffentlichen Beachtung erfunden und zu deren Beeinflussung transportiert und platziert werden. Große Werbeagenturen sind darauf spezialisiert, eingängige Botschaften und Meinungen im Interesse ihrer Kunden in der Öffentlichkeit Beachtung zu verschaffen. Um dieses Ziel zu erreichen lassen sie sich eine Haltung, eine Ästhetik und Moral regelrecht inszenieren.
Die Müller´sche PR-Firma versucht der Immobilienspekulation am Gasometer – eine Ballung architektonisch banaler Hochhäuser mit erheblichen Auswirkungen auf den Stadtraum2 – seit langem über ihren eigentliche Funktion hinaus weitere Eigenschaften anzudichten: Energie-Uni, CO2-neutrales Stadtviertel, EUREF-Campus, LEED-Gold zertifiziert etc. (s. www.bi-gasometer.de) Ein ständiges Kleben von Etiketten, die mit dem wirklichen Produkt nur entfernt zu tun haben.
Beim Green Buddy ist man einen anderen Weg gegangen. Da der vermutliche Hauptinteressent an dessen Zustandekommen nicht öffentlich in Erscheinung treten wollte, wurde das Bezirksamt als scheinbar neutrale, weil öffentliche Institution vorgeschoben, bzw. funktionalisiert. Das Ziel ist nicht der Preis, der Plastik-Petz, das Ziel ist die Teilhabe am Gremium, der preisverleihenden Jury. Und das lohnt in mehrfacher Weise:
1. Hier können Kontakte geknüpft und verstetigt werden, die dem Erreichen des eigenen Ziels dienen.
2. Die Verbesserung des eigenen Renommee nach innen wie nach außen durch Zugehörigkeit zum Auswahlgremium.
3. Durch die Berufung ins Auswahlgremium wird das eigene Produkt, das eigene Projekt, die eigene Firma der Kritik enthoben/entzogen.
Zusammengefasst die Fragen, auf die von der Werbeagentur Antworten gefunden werden mussten: Was für eine Rolle soll eine Auszeichnung spielen? Welche Funktion hat sie? Weshalb wird sie von wem kreiert? Wem soll sie nutzten? Soll der Initiator in Erscheinung treten? Die Beantwortung der Fragen sollte auch die nicht direkt sichtbaren Hintergründe einbeziehen.

ZUR SACHE GEHEN
Entsprechend solcher Kriterien werden Entscheidungsgremien zusammengesetzt. War die Zusammenstellung der GrünBärJury 2011 noch dilettantisch und ganz offensichtlich „Hals über Kopf“ geschehen – man machte sich angreifbar, weil nicht eine einzige Frau berufen wurde – so ging man vor diesem Hintergrund 2012 zielgenauer vor. Im Gegensatz zum eher dürftigen Ausschreibungstext hat man sich bei der Personalauswahl viel Mühe gegeben. Als günstig erwies sich zudem, dass man den Preis nur fortführte und bei „seiner Weiterentwickelung 2012 im Vorfeld bei Institutionen und Sachverständigen zu den Themenfeldern Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung in Unternehmen Rat einholen“ konnte. Man kann auch sagen, die Schamfrist war abgewartet, das neue Bezirksamt inthronisiert, nun sollte und konnte es zur Sache gehen. Vor diesem Hintergrund ist die personelle Verfügung zu sehen, die mit Beginn der neuen Wahlperiode getroffen wurden. Um jede Kritik zu vermeiden, musste auch das Kontrollorgan BVV draußen vor gelassen werden. Dadurch ist Vorhabenträger Müller nun nicht nur Mitglied in der Jury, sondern auch Gastgeber der Verleihungszeremonie am 30.10.2012 auf dem Gasometergelände. Dreist aber Erfolgreich!

Tierfreunde unter sich
Vordergründige Akteurin ist die neue Bürgermeisterin. Angelika Schöttler, sie nimmt in Personalunion auch die Stelle der Wirtschaftsdezernentin ein. Schöttler ist, ähnlich Oliver Schworck, mit dem PaperPress Vorstand und Herausgeber des paperpress-Newsletter, einem gewissen Wolfgang (Ed) Koch, verbandelt. Koch ist die graue Eminenz im Hintergrund. Ein verdienter SPD-Mann, der nach 30-jähriger Parteizugehörigkeit 1998 austrat. Grund, wie er selber angibt: die Bezirksgebietsreform. Nun Parteilos, aber nicht neutral. Er stand bei Frau Schöttler auf der Gehaltsliste, als sie noch Jugendstadträtin war. Inzwischen dürfte das beim neuem Jugendstadtrat Oliver Schworck nicht anders sein.
Schworck war, von 2000 bis 2006, also bevor er Stadtrat wurde, zusammen mit Koch Vorstand im PaperPress e.V. Kochs paperpress-Newsletter lobt wie keine andere Publikation Müllers Vorhaben auf dem Gasometergelände „über den grünen Klee“. Kritik kommt nicht vor. Deshalb kam der Verdacht auf, dass das u.a. daran liegen könnte, weil Müllers EUREF seit 2009 Kochs langjähriges Hobby, den jährlichen „Rocktreff“ in Mariendorf sponsert.
Und nun sitzen Schöttler, Schworck und Müller im Preisgericht. Eine der wenigen potenziell kritikfähigen Institutionen, der Bund für Umwelt- und Naturschutz wurde integriert. Dies obwohl er noch 2009 die überaus kritische Stellungnahme der Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz Berlin zum B-Plan 7-29 mitunterzeichnet hatte. Darüber hinaus waren Einwendungen zum Gasometerprojekt von ihm bisher nicht zu hören. Von den anderen am Tisch sind ebenfalls keine zu erwarten. Im Gegenteil, derzeit liegt bei der Senats-Wirtschaftsverwaltung ein Antrag auf Gewährung von öffentlichen GRW-Mitteln.
Damit soll die Erschließungsstraße zum EUREF-Gelände finanziert werden. Im städtebaulichen Vertrag von 2009 hatte sich Müller noch zur Übernahme der Gesamtkosten verpflichtet. Hilfreich bei diesem Deal stand im August 2011 der damals für Tiefbau im Bezirk zuständige Stadtrat zur Verfügung: Oliver Schworck. In der Bärenjury trifft er den Staatssekretär Christoph von Knobelsdorff (SenWi), sowie den Vorhabenträger Reinhard Müller. Wahrscheinlich nicht zum letzten Mal in diesem Jahr, denn schon am 30. Oktober 2012 treffen sich alle wieder, zur Preisverleihung auf dem Gasometergelände. Wenn das kein Zufall ist!
Sept./Okt. 2012
Berlin-Schöneberg

Fußnoten:
1 Wilfried Huismann, Schwarzbuch WWF – Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda, Gütersloh, 2012
2 siehe Stellungnahme der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz, zum Bebauungsplanverfahren 7-
29, vom 27. Mai 2009

Kommentare sind geschlossen.

  LOGIN